Werder Bremen und die gähnende Leere nach dem 2:2

Rudi und Rune, Riedle und Rufer – das waren die Helden meiner Fußballjugend, die ich ich mit Werder Bremen verbracht habe. Einem Verein, der Wunder an der Weser vollbrachte. Quasi fast auf Knopfdruck. Wann immer sie eben dort, wo der Fluss bekanntlich einen großen Bogen macht, das Flutlicht anknipsten. Wie es sich für einen echten Fan gehört, steht man zu seinem Club auch in schweren Zeiten, wenn es einmal nicht so läuft. Denn das kann sich bekanntlich ganz schnell wieder ändern. Momentan allerdings tragen sie nicht nur „Das W auf dem Trikot“, wie es die Vereinshymne Woche für Woche im Weser-Stadion vorträllert. Nein, das „Weh steckt im Trikot“ und der Teufel im Detail. Höchste Zeit also für eine Kolumne über Werder Bremen auf Fussball-Pur.de.

Werder Bremen Kolumne

Das Weh steckt noch immer im Trikot: Unsere Werder-Kolumne.

Bremen. Es gibt private Verpflichtungen, die lassen sich einfach nicht umkurven. Da muss der Fußball einfach mal hinten anstehen. Oder aber man riskiert mit der Frau seines Herzens den größten Krach westlich des Mississippis. Das alles für den Verein seines Herzens? Noch, wo der einem zuletzt nun wahrlich nicht die größte Freude bereitet hat. Am vergangenen Samstag stand jedenfalls solch eine Verpflichtung im Terminkalender. Die Hochzeit einer guten Freundin meiner Freundin. Trauung um 14.30 Uhr. Ich wollte es nicht übertreiben und habe meinen kühnen Plan verworfen, den Pfarrer um Eile zu bitten. Eine Stunde bis Anpfiff. 60 Minuten, ehe Werder Bremen sein Endspiel gegen die Hoffenheimer bekommen sollte. Das muss doch reichen.

Rollentausch beim Kaffeeklatsch

Darauf, noch schnell eine Kerze im Gotteshaus anzuzünden, habe ich ebenfalls verzichtet. Und das war auch gut so. Für den Moment jedenfalls. Denn kaum hatten Braut und Bräutigam meine hastigen Glückwünschen dankenswerterweise entgegengenommen, da ereilte mich auch schon die frohe Botschaft: „Werder Bremen 1:0!“, rief mir Stefan, mein Leidensgenosse, entgegen. Der gute Mann ist Fan von Preußen Münster – und steckte in einem noch viel größeren Dilemma: Anpfiff um 14 Uhr. Smartphone in der Kirche? Er konnte nicht anders. Wie auch. Die Preußen vor der Rückkehr in die zweite Liga. Und dann das mittelschwere Erdbeben. Den Stuttgarter Kickers war kurz vor Feierabend tatsächlich der Siegtreffer gelungen.

Auf einmal war Rollentausch angesagt. Werder Bremen führte schon mit 2:0, mein Leidensgenosse war am Boden zerstört. „Aufstieg vermasselt…“, faselte er. Irgendetwas von „letzter Chance“. Ich kannte dieses Gefühl kaum noch, dass es tatsächlich Fans in meinem näheren Umfeld gibt, die schlimmer dran waren. Aber das sollte sich ja auch wieder ändern. Also weiter im Text: Kaffeeklatsch. Die Location, die sich das Brautpaar ausgesucht hatte, war – zugegeben – traumhaft idyllisch, hatte nur einen entscheidenden Nachteil: keinen Fernseher. Von Pay-TV will ich erst gar nicht anfangen. Im Weser-Stadion waren rund 80 Minuten gespielt. Ich legte mein Smartphone auf den Stehtisch und gönnte mir das erste Pils. Das war ein entscheidender Fehler!

Es kann für Werder Bremen noch immer gewaltig schiefgehen

Smalltalk hier, ein kleiner Plausch dort – ich hatte die Zeit vergessen. Und das Vibrieren meines Handys nicht mitbekommen. Da war es passiert! 17.25 Uhr, ein schneller Blick, um die Tabelle zu sichten. Gerade eben wollte ich meinem Preußen-Mitstreiter zuprostend mitteilen: „Mal schauen, ob wir dann zumindest durch si…“ Das konnte nicht wahr sein! Ich sah nur Schipplock, sah 2:2 – und riss dem Kellner gleich zwei Bier vom Tablett. Der schaute nicht minder irritiert als meine Wenigkeit. Aber mir müssen wohl in diesem Moment alle Gesichtszüge entglitten sein. Berichtete meine Freundin mir jedenfalls später kleinlaut. Werder Bremen hatte es schon wieder vermasselt.

Die Hochzeitsfeier war gelaufen. Wie es zu dieser 2:2-Niederlage kommen konnte, sah ich also erst am Sonntag in allen Facetten. Ich bestaunte die Fans am Osterdeich, die in Grün-Weiß dem Mannschaftsbus Spalier standen. Ich registrierte mit Wehmut (schade, dass ich nicht dabei sein konnte), wie die Aktion „ALLEz GRÜN!“ ein voller Erfolg war. Und ich riss meine Hände hoch, als La Ola durchs Weser-Stadion schwappte. Das alles sah so aus, als würde Werder Bremen gerade den Titel gewinnen. Stattdessen stecken die Mannen um Trainer Thomas Schaaf noch immer mitten im Abstiegskampf. Glücklicherweise verlor der FC Augsburg dann noch seine Partie in Freiburg. Aber mir ist auch klar: Das kann für Werder Bremen immer noch gewaltig schiefgehen.

„Kloppo“ sorgt für den Lacher des Wochenendes

Stichwort Meisterschaft: In der Halbzeitpause, jener Zeitpunkt also, als die grün-weiße Welt noch in Ordnung war, wurden auch einige der Helden geehrt, die vor 25 Jahren 1988 mit Werder Bremen Deutscher Meister geworden waren. „König“ Otto und so Recken wie Rune Bratseth (einer meiner ganz persönlichen Helden) staunten ebenfalls nach dem Schlusspfiff nicht schlecht, dass nur ein 2:2 herausgesprungen war. Nur gut, dass am kommenden Samstag noch ein letztes Mal ein Heimspiel im Weser-Stadion stattfindet. Ein Dreier, und die Sache wäre wohl geritzt. Schlecht hingegen, dass Eintracht Frankfurt die Punkte eigentlich auch noch dringend braucht. Die Hessen wollen schließlich nächstes Jahr europäisch spielen. Da wäre ein Sieg bei Werder Bremen ein Meilenstein zu diesem Ziel.

An anderen Orten der Republik wunderten sich die Experten übrigens ebenso. Es kursiert ja gerade ein sehr beliebtes Video im Internet, das BVB-Trainer Jürgen Klopp zeigt, wie er gerade die Katakomben des Signal-Iduna-Parks erreicht. Mit dem 2:0-Zwischenstand aus Bremen im Hinterkopf blickte „Kloppo“ auf den Monitor, schaute ungläubig – und klatschte sich dann mit der flachen Hand auf die Stirn. Nun sagt diese Szene gleich zweierlei aus: Zum einen natürlich, dass sich auch viele Unbeteiligte ganz und gar nicht wünschen würden, wenn Werder Bremen am Ende tatsächlich doch noch absteigen würde. Und zum anderen wisst ihr und weiß ich jetzt ungefähr, wie ich selbst geschaut habe, als mein Blick an jenem Samstag auf das Smartphone wanderte. 2:2. „Bremen?“ Klatsch!


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